Zwischen Schmerzen. Scheißen. Und dem ganz normalen Wahnsinn..

Es begann alles mit Schmerzen am Arsch. Am Anfang konnte man nichts erkennen. Doch als die Schmerzen schlimmer wurden ging ich zum Arzt. Ich wurde zum Orthopäden geschickt. Der meinte ich hätte eine Steißbeinentzündung, hat mir ne Spritze gegeben und gemeint, wenn es nicht besser werden würde, sollte ich wieder kommen. Die Schmerzen wurden immer schlimmer, ich konnte irgendwann nicht mehr richtig stehen, sitzen oder liegen. Nichts. Bei jeder Bewegung habe ich mich gekrümmt. Also habe ich mich wieder zu dem Arzt geschleppt, der hat mich nicht mal mehr angeschaut sondern einfach wieder ne Spritze verabreicht und gemeint, dass ich doch dann mal in die Röhre sollte aber da gibt es erst in 2 Monaten einen Termin.

« WHAT THE FUCK? 2 Monate? Hat der Typ den Arsch offen? Wie soll ich das überstehen? »

Mit Tränen in den Augen, habe ich mich bei meiner Mutter ausgeheult. Natürlich konnte sie auch nicht recht viel machen, aber so ist das halt. Als ich Abends dann duschen gegangen bin, wurde es mir schwarz vor Augen. Ich hab die Engel „Hallelujah“ singen gehört. Ich schrie also meiner Mutter, die auch sofort kam. Sie blickte auf meine Arsch und schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Die Stelle war gerötet und es war ein riesiger Batzen zu sehen. Sie rief sofort meine Hausärztin an, zu der ich auch sofort ging. Die Diagnose: Abszess.

« Ein Abszess ist vergleichbar mit Hämmorrhoiden. Hier bilden sich in einem Innenraum des Körpers Eiter. Anfangs wird es nicht bemerkt, erst wenn es immer größer wird und nach außen dringt. Das Eiter entsteht wenn Bakterien oder Erreger in deinen Körper gelangen. Irgendwann dringt es nach außen, dann bekommt man Schmerzen und bemerkt dass es angeschwollen ist. Sieht aus wie ein Ei. »

Ein Abszess ist nichts schlimmes, wenn es schnell genug bemerkt wird. Dann wird es aufgestochen, sodass das Eiter rauslaufen kann und die Wunde wächst wieder zu. Anders bei mir. Da mein Arzt mir eine falsche Diagnose gestellt hat wuchs das Abszess immer weiter und es war kurz vorm platzen. Wenn es platzt, hast du nicht mehr lange zu leben. Das ganze Eiter dringt dann in deinen Körper ein und vergiftet ihn. Ich bin froh, dass es noch rechtzeitig erkannt wurde.

Abszesse können nicht nur am Po entstehen, sondern überall in deinem Körper, wie Leber oder sogar im Gehirn. Wenn das Abszess schon so groß ist, muss es operativ entfernt werden. Bei dem einen lassen sie das Loch, das dabei entsteht offen, bei den anderen, wie mir, nähen sie das Loch zu.

« Jetzt ziert halt eine Narbe meinen Arsch, aber wer sieht das schon? »

Nach der Operation, war ich ein paar Wochen krank geschrieben. Zu der Zeit besuchte ich die Berufsoberschule, doch es war schnell klar, dass ich durch das Fehlen die Klasse wiederholen muss. Shit happens. Doch das war nicht das schlimmste an der Sache..

Seit der Operation, musste ich ständig aufs Klo. „Was war da los?“ Ich hatte ununterbrochen die Scheißerei. Also ging ich wieder zu meiner Ärztin. Dort wurde mir gesagt, dass ich eventuell Würmer hätte, durch das ständige Liegen mit meiner Wunde am Arsch. Ich hab Antibiotika verschrieben bekommen in der Hoffnung, dass es besser wird. Aber scheiße geloffen, natürlich ging es nicht weg. Wie sollte es auch anders sein.

« Ich habe geschissen, gekotzt und nochmal geschissen. »

Ich hatte einen größeren Feind, als das System. Die Toilette. Doch glaub mir, irgendwann lernst auch du die Toilette lieben. Ich habe innerhalb 3 Wochen 30 Kilo an Gewicht verloren. Jeder fragte mich, was ich gemacht habe, dass ich so „schlank“ geworden bin und dass das ja alles so toll ist. Meine Antwort darauf: „Geschissen“. Was sollte ich auch sagen? Es war die Wahrheit und ganz ehrlich ich konnte es nicht mehr hören. Der Satz bzw. das Wort hat gesessen und die Leute ließen mich in Ruhe. Sie mussten mir nicht sagen, dass ich vorher „fett“ war und dass ich vielleicht schlanker besser aussah. Aber ganz ehrlich?! Ich würde lieber fett sein und gesund. Aber das rafft halt keiner.

Nach einem halben Jahr Leiden und mehreren Versuchen mit Antibiotika, was nichts geholfen hatte, wurde ich zum Internisten überwiesen. Der machte natürlich erstmal eine Darmspiegelung.

« Mein Arsch wird keine Jungfrau mehr sein. »

Aber wird ja nicht so schlimm sein. Ich wurde vor die Wahl gestellt, ob ich die Spiegelung mit Beruhigung (Narkosehaltiges Mittel) oder ohne machen möchte. Also bitte, ich will sowas nicht mitbekommen, wenn mir jemand da drin rumfummelt. Also mit Beruhigung und alles easy. Aber dass nicht die Darmspiegelung das Schlimme ist, sondern die Sauferei vorher (Abführmittel), das hat natürlich niemand gesagt. Klar erwähnt. Nebenbei. Dass es halt komisch schmecken würde, aber ich könne ja einen Saft nehmen, dann schmeckt´s besser. Und da man sowas beim Zahnarzt auch gesagt bekommt, dass da irgend ein Gesöff kacke schmeckt, was dann letztendlich gar nicht so ist, dachte ich mir ach das sauf ich einfach auf Ex weg.

« Bin ja ne harte Sau. »

HAHA. Falsch gedacht. Das Gesöff ist abscheulich. Ich hab am Anfang mehr gekotzt, als dass ich gekackt habe. Sollte man eigentlich nicht, ging aber nicht anders. 1 Liter Abends, 1 Liter am Morgen. Dabei nichts essen. Wenn dein Körper eh schon geschädigt ist, sind das die schlimmsten Stunden deines Lebens. Wenn du meinst, du hast vorher häufig die Toilette besucht, dann warte ab wie es da ist. Du stehst in diesen Stunden einfach gar nicht mehr auf am Besten. Und NEIN liebe Leute, mit Saft macht es das ganze nicht besser, im Gegenteil. Die Darmspiegelung selber, ist dann ein Kinderspiel, wenn man bedenkt was man vorher alles durchgemacht hat.

Eine Woche später war es dann soweit. Ich hatte den nächsten Termin bei meinem Internisten um die Diagnose zu bekommen. Zur Unterstützung hatte ich meine Mutter dabei.

« Sorry Mutt, ich liebe dich, aber ob du da so eine gute Stütze warst, weiß ich nicht, denn du hast mir mehr Angst dabei eingeflöst, als ich mir selbst gemacht habe. »

Trotz allem wüsste ich nicht, ob ich das alleine durchgestanden hätte. Der Arsch ging mir gewaltig auf Grundeis, als wir in dem Arztzimmer saßen und auf den Arzt gewartet haben. Als dann der Arzt kam und das sprechen begang, konnte ich ihm nicht folgen und wollte eigentlich nur dass dieser Moment vorbei geht und er mir sagt was ich nun letztendlich habe und wie ich es behandeln könnte. Er sagte mir ich hätte „Morbus Crohn“. Keine Reaktion.

« Was zum Teufel ist Morbus Crohn? »

Ich überlegte, ob ich es schon mal irgendwo aufgeschnappt hatte, aber keine Chance. Wenn er mir gesagt hätte ich hätte Krebs, dann wüsste ich wo der Hammer hängt aber so? Keine Ahnung!

Meine Mutter wusste es. Weil sie immer alles weiß. Sie fing neben mir das heulen an. Ich dachte mir nur, was heult die denn jetzt, ich hab die Krankheit doch. Kann mich jetzt mal jemand aufklären? Muss ich sterben? Sag mir einfach wie lange ich noch habe.

Der Arzt versuchte uns, naja eher meine Mutter, zu beruhigen. Er erklärte uns was Sache ist. Ich hing an seinen Lippen und doch verstand ich kein Wort und habe auch nichts aufgeschnappt. Alles lief irgendwie an mir vorbei. Der Arzt wollte mir, glaube ich, in diesem Moment auch Mut zusprechen, gab mir Internetadressen mit Hilfen, Foren, in denen ich mich mit anderen Betroffenen austauschen sollte, gab mir Prospekte mit, um mich mit der Krankheit auseinander zu setzen und verschrieb mir Cortison.

« Ab da an, war und ist die Praxis mein Bester Freund. »

Wir kamen also aus der Praxis raus, endlich frische Luft, klar denken, doch worüber? Ich hatte ja immer noch keine Ahnung was da vor sich geht. Meine Mutter riss sich so gut es ging zusammen. Wir sind gleich in die nächste Apotheke gegangen und haben das Medikament geholt. Um die Stimmung etwas auf zu lockern, machte ich Witze. So bin ich halt. Ich machte mich lustig über MC und dass ich diese Krankheit nun habe. Ich erzählte einfach nur lustige Dinge, damit meine Mutter wieder lächeln konnte. Sie hat es getan. Gott sei Dank.

Bis wir dann nach Hause kamen und meine Oma schon gespannt wartete, was raus kam. Um eins klar zu stellen, ich liebe meine Familie und ich weiß, dass sie es auch nur gut meinen, doch wenn ich selber keine Ahnung habe, kotzt mich diese Fragerei einfach an. Also sagte ich gar nichts. Meine Mutter hat wieder das heulen angefangen und erzählte es ihr. Ich bin in mein Zimmer gegangen und wollte meine Ruhe haben. Ich musste mir erst mal selber ein Bild machen, von dem was ich habe und von dem was auf mich zukommen würde.

« Fakt ist: Ich bin krank. Ich werde nie wieder gesund. Krank sein ist uncool. »

Ich versuchte zu schlafen. Doch ich hörte immer wieder meine Mutter am Telefon, die mit irgendwelchen Leuten über mich redete. Ich hörte sie immer wieder sagen, dass das ja alles so schlimm sei. Doch was ist daran so schlimm? Ich fing an, die Prospekte, die mir der Arzt mit gegeben hat, durchzulesen. Doch mit jeder Seite, die ich las, wurde mir schlechter. Langsam dämmerte es mir, worum es ging.  Ich begriff, wieso meine Mutter so beieinander war. Ich begriff, dass sich mein Leben von jetzt auf gleich verändert hatte. Ich war am Ende.

« Warum ich? »

Wie kommt man mit der Diagnose klar? Wie kann man damit umgehen, wenn doch die Erkrankung bei jedem anders verläuft? Wie kann man wissen, was man essen kann, wenn jeder was anderes verträgt? Fragen über Fragen. Antwort: Keine Ahnung. Man muss es einfach tun.

« Es bleibt einem nichts anderes übrig. »

Fakt ist: Ich habe 5 Jahre gebraucht, um damit umgehen zu können. Um die Krankheit zu akzeptieren. Ich habe diese Zeit gebraucht um verstehen zu können, was die Krankheit aus einem macht, beziehungsweise was man mit ihr alles erleben muss. Und auch heute weiß ich immer noch nicht alles und das wird auch niemals so sein, denn jeden Tag kann etwas völlig unerwartetes passieren.

Es nützt dir aber nichts, jeden Tag vor dich hinzujammern. Du hast die Krankheit, egal ob du willst oder nicht. Und diese Krankheit ist unheilbar. Du wirst sie dein Leben lang haben. Sie wird dich in vielen Dingen einschränken. Sie wird dir vieles kaputt machen und nehmen. Sie lässt dich oft leiden und ja sie ist Scheiße. Trotz allem hast du die Möglichkeit ein relativ normales Leben zu führen.

« Du musst nur aufstehen, Krone richten und weiter gehen.. »

Jeder Mensch hat Träume. Man kann nicht alle verwirklichen aber einen Teil. Lass dich nicht vollsülzen, von Leuten die meinen sie hätten soviel Ahnung, was du zu tun hast und was du zu lassen hast. Kein Mensch hat das Recht dazu und kein Mensch hat Ahnung davon, was du durchmachst. Nicht mal Betroffene selbst. Denn bei jedem verläuft die Krankheit anders. Lerne damit umzugehen. Lerne damit zu leben. Und vor allem:

« Lerne, dich selbst zu lieben. »

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