Schlimmer gehts immer…

Ich bekam die Diagnose eine Woche vor meinem 20. Geburtstag. Das neue Schuljahr (ich bin tatsächlich sitzen geblieben) hatte gerade erst begonnen.

Ich war immer ein Mensch, der mehr auf die Anderen geachtet hat, als auf sich selbst. Wenn jemand in meinem Freundes- oder Familienkreis Probleme hatte, konnte er jederzeit zu mir kommen. Ich selbst, habe allerdings wenig über mich und mein Leben preis gegeben. Ich wollte immer alles alleine regeln und schaffen. Auch weil ich niemanden auf die Nerven gehen wollte, da jeder seine eigenen Probleme hat.

Doch nach meiner Diagnose, habe ich sehr viel Zeit für mich gebraucht. Ich konnte die Ratschläge nicht mehr hören. Ich konnte nicht mehr hören, dass doch alles gut werden würde und dass das nicht so schlimm sei. Keiner hatte irgend eine Ahnung wie es mir ging oder was mir gut tun würde. Ich wollte einfach meine Ruhe haben. Ich brauchte einfach Zeit, mit der ganzen Situation klar zu kommen. Nur hat das irgendwie niemand verstanden.

Kurz vor meinem Geburtstag, traf ich in der Schule einen sehr guten Freund. Er wollte mit mir über irgend etwas sprechen und ich habe ihn abgeblockt und gesagt, dass ich im Moment andere Dinge im Kopf habe und ob wir das verschieben könnten. Er fragte mich was los sei und ich habe ihm von meiner Diagnose erzählt. Auch er wollte mir gut zu reden.

« Das wird schon wieder.. »

Nein verdammt, das wird eben nicht wieder. Was könnt ihr daran eigentlich nicht verstehen? Es tut mir leid, aber ich konnte in dem Moment nicht anders, ich wollte einfach meine verdammte Ruhe haben und das habe ich ihm auch gesagt. Ich dachte er könnte das verstehen, dass ich einfach EINMAL in meinem Leben Zeit für mich bräuchte und dass ich EINMAL in meinem Leben nur für mich da sein wollte und nicht für andere. Dass ich einfach mal nicht diejenige bin die sich andere Probleme anhört, sondern die selbst welche hatte. Ein einziges Mal..

An meinem Geburtstag, hatte ich ein gemütliches Beisammensein geplant mit Freunden. Wir wollten Cocktails trinken gehen in einer Bar in Nürnberg. Ich habe lange überlegt, ob ich feiern sollte. Doch ich dachte mir ein bisschen Ablenkung täte mir gut. Auch er war eingeladen. Und als wir uns abends trafen, kam er nicht. Gratuliert, hatte er mir auch nicht. Es sah ihm überhaupt nicht ähnlich, denn normalerweise sagte er vorher ab. Aber das tat er nicht. Ich war so sauer auf ihn, weil er mich einfach im Stich gelassen hatte nur weil ich einfach mal Zeit für mich brauchte. Ich konnte es einfach nicht verstehen, wie jeder nur nehmen konnte und nicht einmal etwas geben wollte. Ich habe mir lange Gedanken gemacht was ich ihm sagen würde, wenn ich ihn in der Schule sehen würde, wie enttäuscht ich einfach nur war.

Am Montag dann war irgendetwas komisch. In der Schule unterhielten sich die Schüler sehr erregt. Ich habe nur am Rande mitbekommen, dass wohl irgendetwas passiert sei. Aber mir war das egal. Als wir dann in der ersten Stunde saßen, klingelte mein Handy ununterbrochen. Eine Freundin. Ich verließ also das Klassenzimmer, stammelte irgendwas von wegen ich müsste auf die Toilette und rief sie zurück. Unter Tränen fragte sie mich, ob ich das schon von meinem Freund mitbekommen hätte. Ich sagte Nein. Doch ich wusste in diesem Moment genau was kam..

« Er hat sich an meinem Geburtstag aufgehängt.. »

Enttäuschung. Wut. Trauer. Vermissen. Ich weiß nicht, was ich zuerst gefühlt habe. So schnell konnte ich auch nicht schauen, waren die ganzen Freunde am Schulhof versammelt. Wir konnten es alle nicht verstehen. Er hat auch keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Er hat einfach seinen besten Anzug angezogen, eine Kerze angezündet und es getan. Und das letzte was ich ihm sagte war, er solle mich in Ruhe lassen..

Ich habe egoistisch gedacht, dass er mich enttäuscht hätte weil er nicht zu meinem Geburtstag kam. Dabei war ich diejenige die ihn enttäuscht hat, weil ich ein einziges Mal an mich dachte und ihm nicht geholfen habe. Weil ich ein einziges Mal nicht für ihn da war, wo er mich vielleicht am dringendsten gebraucht hätte. Wäre er dann noch am Leben? Schuldgefühle..

Meine Krankheit habe ich verdrängt. Ich habe sie noch mehr gehasst, weil sie schuld war, dass ich so egoistisch dachte.

Heute weiß ich, dass niemand etwas dafür konnte. Dass er es so oder so getan hätte, egal ob jemand mit ihm redete oder nicht. Doch es hat sehr lange gedauert, bis ich das begriffen hatte. Ich habe es lange verdrängt und nie darüber gesprochen. Erst bei einem Termin mit einer Psychologin nach 6 Jahren habe ich es getan. Es war für mich eine Befreiung, denn es hat mich nie wirklich los gelassen.

Doch es war seine freie Entscheidung zu gehen. Er kam genauso in mein Leben wie er gegangen ist. Von jetzt auf gleich. Die Zeit mit ihm war eine tolle Zeit und wir hatten viel Spaß miteinander. Ich werde immer an ihn denken vor allem an diesem Tag. Ich habe an meinem Geburtstag immer ein lachendes und ein weinendes Auge und werde es auch immer haben. Doch dieser Tag wird uns immer verbinden. Es ist mein Tag und es ist sein Tag. Ich werde dich immer vermissen..

« In loving Memory, KD! »

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